Abschied

Abschied.

Ich hatte erwartet, dass die Rückfahrt sehr schwierig werden würde, weil ich mit der Gewissheit zurück fahren würde, dich für mindestens ein halbes Jahr nicht wieder zu sehen.
Meine Erwartungen wurden zu 100% nicht erfüllt.

Der Rückweg von dir nach Hause ist immer ein besonderer Weg. Eine halbe Stunde über dunkle Landstraßen zu fahren, kein Auto weit und breit, das Radio aus, allein mit seinen Gedanken – das klingt negativ, ist aber das Beste, was einem passieren kann. Auto fahren befreit einen auf eine bizarre Art und Weise von all dem weltlichen Gefühlchaos, was einen Tag für Tag begleitet. Die Gedanken werden zwar lauter, aber auch so viel klarer und so viel greifbarer, als sie es den Rest des Tages über sind. Man kann sich plötzlich mit Themen befassen, die man sonst eher in den Hintergrund geschoben hätte, man kann Entscheidungen viel besser reflektieren und neue Entschlüsse sehr viel sichererer und weitreichender fassen, man bekommt die Möglichkeit eine Struktur in das Chaos zu bringen, was einen normalerweise nicht in Ruhe lassen würde.
Als ich heute von dir nach Hause fahre, schaue ich auf dem Weg mehrmals in den Rückspiegel. Er ist vollkommen schwarz. Kein Licht weit und breit. Vielleicht ist das die Art, wie man den Abschied sehen sollte: Es gibt keinen Grund, sich Gedanken über das Vergangene zu machen, die Menschen, die bleiben wollen, bleiben und die übrigen werden von dem dunklen Schwarz eingesogen und vielleicht im Bezug auf mein Leben nie wieder ausgespuckt. Nur ab und zu kommt mir mal ein Auto entgegen, doch auch diese Lichter, werden von der Dunkelheit sehr schnell wieder verschluckt.
Wie kommt es, dass die Nacht eine so starke Wirkung auf Menschen hat? Nachts werden Entscheidungen leichtfertiger gefällt, Gespräche werden tiefsinniger, Menschen werden ehrlicher, das Leben wird leiser und die Gedanken werden lauter. Sich mit dem auseinander zu setzen, was man tagsüber durch ständige Aktivität gut in den Hintergrund schieben kann, muss nicht immer schlecht sein. Oft wird nachts der Auslöser des Problems viel mehr thematisiert und vielleicht auch gelöst, als das tagsüber der Fall ist.
Ich kenne den Weg von dir zurück inzwischen auswendig. Ich muss nicht nachdenken, wann ich wo abbiegen muss, es funktioniert ganz von alleine. Der Abschied war nicht so schlimm wie ich dachte, er lässt Hoffnung auf ein Wiedersehen.
„Mach´s gut, du schaffst das. Und bleib bloß nicht so wie du bist.“ Vielleicht sind das genau die richtigen Worte, die man in der Situation finden kann. Einem Menschen zu wünschen, er solle doch ja so bleiben wie er ist, beruht ja letztendlich nur auf dem eigenen Egoismus und der Angst, der Mensch könne sich aus dem kleinen Rahmen der Akzeptanz raus entwickeln. Ein halbes Jahr Ausland ohne eine Veränderung zu durchlaufen ist quasi unmöglich. Ich sollte mich darauf freuen, wie ich selbst in einem halben Jahr sein werde, wie ich mit den Höhen und Tiefen klar kommen werde, wie ich die täglichen Aufgaben meistern werde, wie ich meine Fähigkeiten in Problemlösung für mich selbst weiterentwickeln werde, wie ich meine Einstellung auf das Leben danach vielleicht verändert haben werde.
Gute Nacht!

Die ersten kleine Schritte Richtung Außenwelt und meine Anfänge des Sprachenlernens

In meinen ersten freien Stunden habe ich mich kurz nach Sonnenaufgang – da es erst um 10:00 anfängt langsam hell zu werden, hört sich das dramatischer an als es ist – mit meiner Kamera auf den Weg gemacht, um die Gegend ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Da heute Montag ist, bekomme ich zum ersten Mal wirklich den Alltag der Familie mit und habe voraussichtlich wie heute immer frei, wenn Haukur in der  „Leikskólar“ und Már Óskar in der „Skóli“ sind.
Durch Skiunterwäsche, eine Daunenjacke und wasserfeste Schuhe gelingt es mir irgendwie den Minusgraden und dem eisigen Wind zu trotzen, zu schön ist dafür die Landschaft, die sich mir in der aufgehenden Sonne bietet, welche den Himmel seltsam rosa erscheinen lässt.

p1020122.jpg

Einen neuen Freund habe ich auf dieser kleinen Wanderung auch direkt gefunden, der mir nicht mehr von der Seite weicht, auch wenn er teilweise von den einzelnen Autos abgelenkt wird, die hier alle zehn Minuten mal vorbeifahren. Zum Reden sollte man sich allerdings vielleicht jemand anderen als einen Hund zum Freund suchen. Dafür hilft er mir dabei, unsere Freundschaft auf einem Bild festzuhalten:

P1020174

Mein kleiner Ausflug endete leider ziemlich abrupt, als ich in ein durch Schnee verdecktes Wasserloch rutschte und bis zum Knie drin stecken blieb. Das bei der versuchten Trockungsaktion der Schuhe mein Föhn seinen Geist aufgab, trug nicht unbedingt zum Erheitern der Stimmung bei, dafür aber das Anschauen der Bilder, an deren Anblick ich mich noch nicht gewöhnt habe; Die Freude über Sonnenaufgänge, rosafarbene Himmel und Schnee kann man mir einfach nicht abgewöhnen. Dass ich dabei nebenbei auch noch Islandpferde am Wegesrand getroffen habe, rechtfertige den Rutsch ins kalte Nass ein bisschen mehr.
P1020159

Heute war außerdem der erste Tag, an dem ich den Sprachkurs in „Íslenska“ begonnen habe. Alle Zweifel, die diesbezüglich im Vorhinein aufkamen, haben sich mit einem Schlag in Luft aufgelöst, als ich bemerkt habe, dass es noch mehr Deutsche in meinem Alter gibt und die Lehrerin den Unterricht so gestaltet, dass man ihm gut folgen kann. Trotz der Tatsache, dass sich schon in der ersten Stunde herausgestellt hat, dass isländisch lernen kein Zuckerschlecken wird und über „Èg heitir Anna, hvað heitir þu?“ hinaus geht, freue ich mich extrem die Challenge anzunehmen. Dazu beigetragen hat wohl auch, dass ich spontan noch mit zwei anderen aus dem Kurs Pizza essen gegangen bin, die nicht weit entfernt wohnen und da Nadine auf einer Farm lebt, die sowohl Pferde als auch Kühe und Schafe hat und Melina in einem Haus nicht allzu weit entfernt von unserer Farm wohnt, ist unser nächstes Treffen schon in Planung; Die Neugier auf die unterschiedlichen Wohnorte ist zu groß, als dass die beiden die drei neugeborenen Kälber hier auf unserer Farm verpassen wollen oder Melina und ich die Pferde und Schafe auf Nadines Hof. Dass wir dabei ganz nebenbei unser isländisch vertiefen können, macht die Sache wohl umso besser.

IMG_9804

Ich bin sehr gespannt, was die nächsten Tage, Wochen und Monate mir bringen werden, aber der Anfang könnte wahrscheinlich nicht besser verlaufen sein.

„Einn, tveir, þrjú“ – Der erste Tag in der Familie

Keflavik liegt direkt an der Küste, weswegen ich, nicht nur aufgrund meines Platzes am Gang, aus dem Flugzeug heraus nicht wirklich was von Island gesehen habe. Das, was ich sehen konnte, gleicht auf den ersten Blick einer Landung auf dem Mond.
Aus dem Flugzeug draußen werden wir von starkem Wind und ein bisschen Regen begrüßt, die Luft ist dafür umso frischer und kühler als man das aus Deutschland gewohnt ist.
Richtig realisiert, wo ich hier bin und was ich hier eigentlich mache, habe ich noch nicht wirklich. Als ich dann wirklich innerhalb von nichtmal zehn Minuten beide Koffer in den Händen halte, kommt ein gewisser Respekt gegenüber der isländischen Flughafenmitarbeiter auf; Bisher musste ich immer mindestens eine Stunde warten.
Eigentlich habe ich keine Ahnung, wohin ich laufen muss und folge einfach dem Strom Asiaten, die irgendwie wissen, wohin es geht. Als ich dahin komme, wo alle Passagiere mehr oder weniger in Empfang genommen werden, sehe ich eine blonde Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm, die mich freudestrahlend ansieht und ein Schild mit meinem Namen hoch hält. Das sind also Bryndís und Haukur.
Im Auto drehe ich mich zu dem Kleinen um und pikse ihn in seinen Bauch, was bei ihm eine nicht mehr aufhörend wollende Mischung aus Lachen und schrillem Kreischen auslöst, die Bryndís während ihres Telefonats mit einem Grinsen quittiert.
Wir müssen ungefähr eineinhalb Stunden bis zu ihrer Farm fahren, auf die sie selbst erst vor zwei Wochen eingezogen sind. Auf dem Weg regnet es ununterbrochen und der Wind ist so stark, dass Überholen auf den teilweise zugeschneiten Straßen unmöglich wird. Ansonsten ist der Süden Island relativ flach und nur ein paar Berge grenzen ihn vom Inland ab. Die Straßen sind größtenteils einspurig und wer Schlaglöcher vorher nicht kannte, ist spätestens nach zwei Kilometern Experte, was diese angeht.
Nach zwei kurzen Zwischenstopps bei Ikea und einem Supermarkt sind wir dann irgendwann auf der Farm angekommen. Da die Familie erst vor kurzem umgezogen ist, sieht es dementsprechend ein wenig nach Baustelle aus, was allerdings die Situation eher entspannt als das Gegenteil. Während Bjarni, der Vater, die letzten Räume streicht und Betten aufbaut, sitzt Már Óskar auf seinem Bett und schaut eine Kinderserie, wo er mir nach nicht mal zehn Minuten mit Händen und Füßen die verschiedensten Tiernamen und Gegenstände auf isländisch beibringt. Eine halbe Stunde später sind in meinem Kopf neben der Serie auch noch die Zahlen von eins bis zwanzig, diverse Küchenobjekte und ganz viele Spielzeugbezeichnungen. Es ist erstaunlich, dass es Kinder schaffen, sich komplett ohne Sprache zu verständigen und dabei alles gesagt ist.
Ich lerne vor dem zu Bett gehen auch noch die Kühe und Ochsen des Hofes kennen, die jeden Tag morgens und abends drei Stunden gemolken werden wollen. Dabei bekommen die Kälber, bis sie zwei Monate alt sind, seperate Milch aus einer Eimer mit Zitzen, immer fünf auf einmal bis alle dran gewesen sind. Während Haukur lieber wegläuft, als eine Kuh sich dazu entschließt mit ihrer Zunge seine Mütze zu greifen, steckt Már Óskar den Kälbern seine Finger in den Mund, an denen sie zu saugen beginnen, als würden diese die beste Milch geben. Mir gefällt das Leben der Farmer, es gibt keine Scheu vor schmutziger Kleidung und wenn Haukur in den Kuhfladen fällt, wird er kurz abgewischt und dann ist alles wieder okay.
Komischerweise fühlt es sich nicht falsch an, beim Essen kein Wort, was gesprochen wird, zu verstehen, es motiviert mich eher, mir irgendwie Sprachkenntnisse anzueignen, die über das Wort „Katze“ hinausgehen.

Ich bin extrem gespannt, was mich die nächsten Monate hier erwarten wird. Draußen toben derweil Schneestürme, was mich aber nicht davon abhalten wird, die nächsten Tage ein bisschen die Umgebung zu erkunden; Schließlich liegt Dalbær nicht allzu weit entfernt vom Meer und die sechs Stunden Sonnenlicht am Tag wollen genutzt werden.

Über den Wolken – Der Start in mein Auslandsjahr

Das Gefühl, wenn das Flugzeug abhebt, kommt einem ziemlich starken Adrenalinkick gleich. Das ist er also, der Anfang eines neues Kapitels.
Ich hätte vieles erwartet, aber nicht dass sich Anfänge so befreiend anfühlen können. Wann hat man mal die Chance von null anzufangen ohne irgendwelche Vorurteile, weil einen noch keiner kennt? Ich bin ein Fremder in diesem Land, aber es fühlt sich im Moment gut an. Über den Wolken sieht sowieso alles viel friedlicher aus, die Distanz tut ihr übriges dazu. Tief unten in mir sind noch die Sorge und Angst, aber sie haben einfach keinen Platz in dem Moment. Am Tag zuvor, da waren sie präsenter als je zuvor und bringen einen dazu, alles zu hinterfragen. Die Zweifel haben allerdings innerhalb von vier Stunden Schlaf gelernt, wann es besser ist, still zu sein und sind es jetzt auch.

Es ist immer noch eine extrem unrealistische Situation. Soll es so einfach sein etwas anzufangen, was einem neuen Leben schon ziemlich nah kommt? Vielleicht sollte ich das in Erinnerung behalten, wenn ich den Gedanken hab, ich könnte nichts ändern; Anscheinend braucht es nur eine Portion Mut und den ersten Schritt, der den Rest fast wie von alleine geschehen lässt. Wahrscheinlich halten uns oft die fehlende Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, Faulheit oder Angst davon ab.
Was wird wohl passieren, wenn ich aus dem Flugzeug steige? Was wird mich erwarten? Wenn sich die Ungewissheit des Abenteuers so anfühlt, frage ich mich, warum dies mein erstes ist. Auf einer Skala von eins bis zehn schießt die Neugier weit über das Maß hinaus.

Wir fliegen die ganze Zeit über das Meer, man sieht nichts außer Wolken, durch die ab und zu mal ein Fetzen blau scheint.
Ich frage mich, was den anderen hier im Flugzeug durch den Kopf geht. Was sind die Geschichten hinter diesen Menschen? Was treibt sie in das Land aus Feuer und Eis? Wenn man sie beschreiben wollen würde, gäbe es drei Gruppen von Menschen: 1. die jungen U30, die Musik hören und aus dem Fenster schauen, 2. die älteren Urlauber, die schlafen und 3. die Asiaten, die beides vereinen.
Unterbrochen durch eine Frau mittleren Alters sitzt eine junge Frau neben mir, vielleicht ein bisschen älter als ich. Sie schaut die ganze Zeit raus, ab und zu überspringt sie ein Lied ihrer Playlist. Am Anfang des Fluges hat sie sich mein Ladekabel geliehen, jetzt frage ich mich, was sie wohl die nächsten Wochen erleben wird. Sind es überhaupt Wochen oder vielleicht nur Tage oder sogar Monate? Sie sieht sehr entspannt aus, wahrscheinlich ist das nicht ihr erstes Mal Island. Vielleicht besucht sie ihren Freund, den sie im letzten Jahr dort kennen gelernt hat, als er ihr auf dem Vulkan begegnet ist. Ich werde es nicht wissen, wenn ich sie nicht frage. Gehört das zu dem neuen Kapitel dazu, neue Menschen anzusprechen, um zu erfahren, was ihre Geschichte ist? Ich bin selbst von mir gespannt, ob ich heute Abend mehr über sie weiß oder sie in einer Stunde das letzte mal gesehen hab.
Ansonsten sind um mich herum fast nur Asiaten mittleren Alters. Ob sie alle zusammen gehören? Man hat ja oft den Eindruck, wenn man in Großstädte kommt.
Was denken die anderen wohl über mich? Ich werde es nie wissen, wenn sich alle Fragen nur in meinem Kopf abspielen. Vielleicht sollte ich mir eine gewisse Offenheit und ein Talent für´s Ansprechen antrainieren, um Chancen nicht zu verpassen. Wäre es gut, direkt heute damit anzufangen? Wahrscheinlich, nein nicht wahrscheinlich, 100% sicher.

Und jetzt? Jetzt werde ich in einer Stunde in Keflavik landen, meine sieben Sachen zusammen sammeln und das weiterführen, was beim Starten des Flugzeugs angefangen hat.
Und da das mit dem Anfangen so gut geklappt hat, weiß ich jetzt auch, dass die junge Frau öfters nach Island fliegt, um sich Pferde für ihre Farm nahe Hannover ansehen, die sie mit ihrem mittlerweile Exfreund zusammen führt und dass sie sich mit dem Bus über Reykjavic nach Selfoss aufmachen wird, ohne zu wissen wie lange das dauert und wo sie hin muss.
Die Asiaten gehörten zum größten Teil übrigens echt zusammen.

Geschichten als Zeitmaschine

„Vergiss mich nicht.“

Mein Opa gibt mir die Hand und sein Gesicht verzieht sich kaum merkbar zu einem Lächeln. Das sind also seine letzten Worte bevor wir uns für mindestens ein halbes Jahr verabschieden. Wer ihn nicht kennt, könnte meinen, dies sei eine relativ lieblose Verabschiedung. Wer ihn nicht kennt, der irrt sich gewaltig.

Er war nie ein Mann, der seine Liebe zu Kindern und Enkeln mit großen Umarmungen, Küssen oder Sätzen wie „Ich hab dich lieb“ zum Ausdruck gebracht hat. Die intimste Berührung zwischen uns war wahrscheinlich eine Umarmung zum 18. Geburtstag. Ich habe das eine Zeit lang oft mit der Annahme verwechselt, dass er uns nicht besonders lieb hat, zu unrecht, wie ich erst vor kurzem realisiert habe. Ich glaube, dass wir oft von der Gesellschaft mitbekommen, wie man die legitime Art der Liebe zum Ausdruck bringt. Dadurch verlieren wir wahrscheinlich oft den Blick für die anderen Wege und setzen das mit fehlender Liebe gleich. Ich habe mir nie groß Gedanken darüber gemacht und habe dies als Tatsache immer so hingenommen. Es war vielleicht einer der größten Fehler, die ich machen konnte, aber er gehörte dazu. Wenn man hinterfragt, wie jeder Einzelne anderen zu verstehen gibt, dass sie ihm wichtig sind, dann kann man so viele Arten von Zuneigung heraus finden, die oft über das „Normale“, oft körperliche oder verbale, hinausgehen.

Mein Opa hat uns stundenlang Geschichten erzählt, hat uns mit in seine Kindheit genommen, hat uns durch seine Erzählungen eine Brille aufgesetzt, die es uns ermöglichte, die Welt vor mehr als 50 Jahren durch seine Augen zu sehen.
Wir wurden von seinen Geschichten in den Bann gezogen, hatten ihn vor Augen, wie er mit seinen Freunden in einer Lederhose und mit aufgeschürften Knien in den Trümmern der Häuser gespielt hat, wie er das Rad fahren zwischen den beiden Stangen hängend auf einem Herrenfahrrad mit seinem Bruder zusammen gelernt hat, wie er in der Schule der freche Bub war, der mit seinen Klassenkameraden getuschelt hat anstatt dem Unterricht zu folgen, wie er mit 14 mit seinen Kollegen auf der Baustelle die Arbeit am schnellsten verrichtete, um seinem Chef zu beweisen, wie gut er war, wie er beim Arbeiten von einem kleinen Jungen mit Trisomie21 in den Arm genommen und so vom Arbeiten abgehalten wurde, mit einem versteckten Lächeln im Gesicht.

Mein Opa hat versucht uns so viele Erfahrungen wie möglich mit auf den Weg zu geben, in Form von Geschichten. Ich kenne keinen anderen Menschen, bei dem man das innere Lächeln beim Erzählen so stark merkt und bei dem man das Gefühl bekommt, er sitzt in dem Moment nicht in seinem Sessel, sondern steht genau wieder an dem Ort, wo seine Geschichte spielt.

Er ist vielleicht kein Mann der großen Taten und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es vielleicht sogar eine sehr viel wertvollere Art der Zuneigung ist, wie er sie zum Ausdruck bringt. Kleinen Menschen die Welt zu zeigen und sie in ihrer Fantasie immer wieder aufs Neue mit in seine eigene Vergangenheit ziehen, das ist seine Art der Liebe.

Mit seinen Worten „Vergiss mich nicht“ hat er als eine der ersten Male die Seite der Zuneigung gewechselt und mir direkter als er es durch Geschichten ausdrücken kann, zu verstehen gegeben, was es bedeutet Opa zu sein.
Ich bin ich unfassbar dankbar für die Art der Liebe, die er uns mit auf den Weg gibt.
Eine Zeitmaschine ist es eben manchmal emotionaler als eine Umarmung.

Begegnungen, Faszination, Einsamkeit – Wie Menschen auf Island reagieren

„Island? Das ist doch total kalt. Die Sprache soll die schwierigste Sprache der Welt sein. Ist dir das nicht zu einsam?“
Hätte ich eine Statistik über die Reaktionen auf meine Pläne für das nächste halbe Jahr geführt, dann wären das die drei häufigsten Antworten neben der Aussage, dass es dort echt schön sein soll. Oft sieht man hinter dem Interesse auch Verwunderung oder verstecktes Unverständnis darüber, was einen in ein doch zunächst erstmal ziemlich kahl wirkendes Land führt.
Wirkliche Faszination über den Plan bzw. das Land habe ich bis jetzt erst so richtig von einem Menschen erfahren. Das soll kein Vorwurf sein und ich bin mir sicher, dass ich ohne das letzte Jahr, das ich mit Menschen verbracht habe, die mir durch nächtelange Gespräche und unendliches Streifen durch den Wald irgendwie gezeigt haben, was man auch hier in Deutschland aus der Natur mitnehmen kann und wie viel freier die Gedanken sind, wenn man seine Zeit draußen verbringt, wahrscheinlich die gleiche oder eine ähnliche Reaktion gezeigt hätte, wenn mir jemand damals erzählt hätte, ich würde in einem Jahr nach Island gehen. Ich hätte mich wahrscheinlich gefragt, was ich da suche, auf einer Farm mitten im Nirgendwo, nur umgeben von der Einsamkeit und der unendlichen Weite einer Insel, die auch im Sommer meist nicht über die 15 Grad-Grenze hinaus kommt.
Menschen und deren Einfluss können einen von Grund auf an verändern und ich bin mir sicher, dass ich zwar vorher schon einen gewissen Hang dazu hatte, auf nächtlichen Fahrradfahrten besser denken zu können und mich freier zu fühlen, allerdings intensiviert sich das Ganze enorm, wenn man Menschen trifft, denen es irgendwie genauso geht. Gerade kürzlich habe ich wieder einen solchen Menschen kennen gelernt. Was mich daran immer wieder aufs Neue erstaunt, ist, wie groß das Verständnis füreinander und für Aktionen, die für Außenstehende komisch wirken könnten, sein kann, wenn man eine gleiche Leidenschaft bzw. eine gleiche Umgangsart mit dem Leben teilt.
Ich hoffe demnach, dass ich auf meiner Reise noch viele Menschen kennen lernen werde, mit denen man in manchen Situationen keine Worte braucht, die genau dasselbe denken, wenn man nachts aufs Meer schaut, die dich nicht schief anschauen, wenn du im stärksten Sommerregen deine Sachen packst und dich auf den Weg nach draußen machst, die das gleiche Interesse an dem teilen, was uns Wasserfälle, Vulkane und Geysire zu bieten haben und die mich hoffentlich in einer positiven Art und Weise weiter verändern werden.
Was ich zu den Reaktionen der anderen sagen kann:
Ja es ist kalt, Schnee hat aber definitiv auch seinen Reiz.
Ja, die Sprache ist mit Sicherheit schwierig, aber ich freue mich enorm, mich darauf einzulassen. Mir bleibt auch keine andere Wahl, denn am zweiten Tag meiner Ankunft beginnt direkt mein Sprachkurs.
Und ja, es ist ein einsames Land. Einsamkeit muss aber nicht zwingend schlecht sein, vielleicht zwingt sie einen, sich neben dem alltäglichen Stress auch mal mit sich selbst und seinen Wünschen, Träumen und Plänen auseinander zu setzen. Was mir ein interessanter Mensch kürzlich erst mit auf den Weg gegeben hat ist diese Erfahrung: „Wenn du alleine reist, sind die Hochs höher als alle, die du bisher erlebt hast, so hoch, dass du manchmal auf einem Stein sitzt, ins Tal schaust und dir die Tränen in die Augen schießen, und die Tiefs sind tiefer als alle, die du bisher erlebt hast, so tief, dass du denkst, du bestehst nur noch aus dieser starken Einsamkeit und dass diese nie mehr verschwinden wird. Aber jedes Hoch und jedes Tief bringt dir ein Stück mehr Selbsterfahrung.“

 

 

Foto: https://www.instagram.com/p/BJINa5HDn4B/?hl=de&taken-by=melinasophie

Der Countdown läuft…

Wie fühlt es sich nun also an, eine Woche bevor die Reise in das Land rund um Wasserfälle, Vulkane und Geysire losgehen soll?

Würde man die inneren Zustände „Stimmungsschwankungen“ nennen, hätte man wohl den Kern der Tatsache getroffen, allerdings geschieht dies in einer Intensität, die wohl stärker nicht sein könnte. Während du im ersten Moment unfassbar glücklich bist, weil dir deine Gastmutter „Merry Christmas“ wünscht und dir sagt, wie sich alle darauf freuen, dass du Teil der Familie wirst, kommt es zehn Minuten, nachdem du strahlend die Email beantwortet hast, zu dem Gedanken, wie stark dir deine Familie und Freunde fehlen werden, woraufhin du auf deinem Bett sitzt und sie schon mal im Voraus vermisst, obwohl der Zustand noch gar nicht eingetreten ist.

„Als ich damals meinen Flug nach Indonesien gebucht habe, um dort sechs Wochen alleine zu reisen, ist mir auch ein bisschen flau im Magen geworden. Ginge dir das anders, wärst du wohl ein sehr gefühlskalter Mensch.“ Es scheint also alles normal zu sein, leugnen, dass es anstrengend ist, kann ich dabei allerdings nicht.

Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass es eine Reise ins Ungewisse ist, in ein Land, was man nicht kennt, zu einer Familie, die man ein paar mal per Skype gesehen hat. Ich muss aber auch sagen, dass ich bei der Familie ein sehr gutes Gefühl habe und mich jetzt schon gut aufgenommen fühle, was, nebenbei gesagt, glaube ich auch das Wichtigste ist. Wer seine Familie nach der Lage oder Ausstattung ihres Hauses aussucht, wird wahrscheinlich von Außen betrachtet eine schöne Zeit erleben, das zwischenmenschliche ist mir jedoch deutlich wichtiger, im Endeffekt muss das aber jeder für sich entscheiden.

Wahrscheinlich ist es normal und vollkommen gesund mit einer gewissen Angst vor dem Unbekannten in dieses Abenteuer zu starten. Was man nicht vergessen darf, ist, dass Angst uns schützen soll, dass man aber meistens auch die schönsten und lehrreichsten Momente und Erlebnisse aus den Taten zieht, die einem zunächst Angst bereitet haben.
Außerdem erfährt man, glaube ich, in jeder angstbehangenen Situation sehr viel über sich selbst, womit diese Stunden der Selbsterfahrung eher als bereichernd und nicht als belastend wahrgenommen werden sollten.

Wenn man sich vor Augen ruft, dass einen eine Woche von einem völlig anderen Leben trennen, weckt das bei mir enorme Neugier auf das, was da kommen wird. Ich werde mich mit vielen neuen Dingen, anderen Lebensvorstellungen und bestimmten Ritualen befassen müssen, bin mir aber sicher, dass ich daraus auch für mich selbst extrem viel mitnehmen kann.
Ich bin extrem gespannt, in was für eine Kultur ich da geworfen werde, so sind die Isländer ja für ihren Glauben an die Kobolde und Elfen sehr bekannt. Offenheit und ein gewisses Interesse auch an der Sprache sind wahrscheinlich mit das Wichtigste.

Mich wird vieles erwarten und ich freue mich darauf, diese Erfahrungen in diesem Blog teilen und festhalten zu können, wer weiß, wie ich in zehn Jahren darüber denken werde, wenn ich mir es erneut durchlese.