Als das Flugzeug abhebt, entsteht ein Gefühl von Vorfreude. Vorfreude auf die frische Luft, die karge Natur, den starken Wind, die kühlen Tage und Nächte, das Farmleben. Es ist das gleiche Ziel wie vor einem dreiviertel Jahr. Doch jetzt kenne ich es sehr viel besser, fast schon ziemlich gut. Ich kenne den Geschmack des eisklaren Wassers, ich kenne die unebenen, von Schlaglöchern durchzogenen Straßen, ich weiß, wie das Leben in der Einsamkeit ist, ich verstehe, worüber sich die Menschen unterhalten, wenn sie in ihrer Muttersprache reden, ich kenne fast jeden der vereinzelten Supermärkte im ganzen Land, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Kälber und Lämmer an den Fingern saugen und wie eine Geburt solcher abläuft, ich kenne sämtliche isländische Kinderserien, ich weiß, wie die Isländer feiern und kenne die wichtigsten ihrer vielen Volkslieder, ich kenne die Mentalität der Menschen, ich kenne die Vulkane, Gletscher, Wasserfälle und Geysire. Man könnte fast sagen, ich fliege nach Hause.
Es fühlt sich komisch an, das zu sagen. Nach Hause fliegen. So weit her fühlt es sich immer noch an, obwohl ich ihm jede Sekunde ein Stückchen näher komme. Die Tatsache, dass sich mein Leben auf der Farm wie ein Traum anfühlt, hat sich seit meiner Ankunft in Deutschland nicht geändert und ich bin gespannt, ob es das tut, wenn ich dahin zurück kehre. Ich träume häufig von meinem isländischem Leben, von den Kindern, der Farm, dem Leben mitten in der Natur. Und jedes Mal wache ich auf und vermisse das Leben dort. Das Leben in der Natur, und zwar inmitten dieser, wo man manchmal das Gefühl bekommt, ein Teil davon zu sein, kann nichts und niemand ersetzen. Auch, wenn ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland vorher selbstverständliche Dinge wie Sonnenstrahlen oder Wälder dort zu schätzen gelernt habe, weil ich genau die unterbewusst in Island vermisst habe.

Die ersten fünf Tage werde ich bei Stulli leben, den ich vor etwa vier bis fünf Monaten im Kindergarten von Haukur kennen gelernt habe. Das Wochenende verbringe ich bei meiner Familie und da zu dieser Zeit der bekannte Schafsabtrieb stattfindet und die Schafe am Samstag im Réttier sortiert werden, kommt ein neues traditionell isländisches Erlebnis auf mich zu, was ich mir so gewünscht habe, jemals erleben zu dürfen. Die ganze Woche davor reiten die Farmer auf Pferden durch die Berge und treiben die Schafe zusammen, bringen sie ins Tal und sortieren sie dann am Wochenende im eben erwähnten Réttier, einem großen umzäunten Kreis der viele Ausgänge hat, an denen die verschiedenen Farmer stehen und ihre Schafe dorthin bringen, um sie auf ihren Farmen entweder selbst zu schlachten oder zum Schlachthof zu bringen. Das hat für die Isländer einen hohen traditionellen Wert und nicht umsonst nehmen dort nicht nur die Schaffarmer selbst, sondern auch Freunde, Familie und Bekannte dran teil.

Die Vorstellung, meine Familie wieder zu sehen, ist so unrealistisch, wie sie es damals war, als ich im Flieger nach Deutschland saß und an mein altes Leben anknüpfen sollte. Trotzdem ist die Vorfreude, die beiden Jungs und den Rest der Familie wieder zu sehen, den Geruch der Kühe wieder in der Nase zu haben und zwischen den Heuballen zu sitzen, unbändig groß. Wenn man sechs Monate jede Nacht von Kindergeschrei wach wurde, jeden Tag draußen gespielt hat und die Jungs mit jedem Tag mehr geliebt habt, kommt einem das Leben ohne Kinder seltsam leise vor. Umso größer ist die Aufregung darauf, wie die beiden darauf reagieren werden, dass ich wieder da bin, da Kinder ja manchmal ungeschönt ehrlich sind und offen zeigen, wenn sie keine Lust auf einen haben.

Jetzt gerade, wo ich hoch über den Wolken schwebe und irgendwie versuche, mir die drei Stunden und zehn Minuten Flugzeit zu vertreiben, hat man leider viel zu viel Zeit, um ungeduldig zu werden und sich zu fragen, warum jeder seelenruhig im Land der Träume ist und man selbst kein Auge zu kriegt. Ob die anderen nichts zu erwarten haben, wenn sie in Island ankommen? Rechts von mir sitzen zwei Isländer, die wahrscheinlich nur die Zeit absitzen, bis sie endlich wieder Zuhause sind. Der Rest ist gut gemischt und die meisten sind alleine unterwegs. Eine Gruppe von Studenten, die ich eben am Flughafen kennen gelernt habe, ist auf dem Weg auf eine convention, die in irgendeinem Zusammenhang mit Computerspielen steht und sich die nächste Woche lang in Reykjavík abspielen wird.
Ich werde zum Glück von Stulli am Flughafen abgeholt und muss mich nicht um 1:30 Ortszeit mit nicht vorhandenen Bussen rumschlagen. Durch die eineinhalb Stunden Fahrt, die bis nach Selfoss noch vor uns liegen werden und der Zeitverschiebung, werde ich wohl diese Nacht erst gegen 5:00 nach deutscher Zeit die Augen zu machen. Dabei wird es wohl bei nicht allzu viel Schlaf bleiben, da wir unter anderem die blaue Lagune besuchen, den Berg bei Laugarvatn besteigen und danach in den Spa des Ortes gehen und Stullis Crossfit-Training besuchen werden. Die Tage sind gezählt und doch steht für mich jetzt schon fest, dass es wieder nicht die letzten sein werden.

Das Flugzeug geht langsam in den Landeflug über, zumindest sinkt es merklich immer weiter ab. Inzwischen ist es 2:51 nach deutscher Zeit und der Isländer neben mir hat sich nun auch von seinem dritten Kaugummi getrennt. Draußen ist es dunkel, der Winter rückt auch in Island immer näher. Die Zeit, wo die Dunkelheit verschwunden war, ist vorüber. Wie interessant es gewesen wäre, im Juli mitten in der Nacht von Deutschland nach Island zu fliegen, im Dunkeln zu starten und die unter- und aufgehende Sonne über dem Horizont zu sehen, die im Sommer nie hinter diesem verschwindet, sondern ihn nur berührt, um direkt danach wieder aufzugehen. Die Dunkelheit. Sie habe ich im Sommer extrem vermisst und deshalb, im Gegensatz zu den meisten anderen, den tiefen Winter geliebt, wo die Nacht früh begonnen hatte. Jetzt im September sind Deutschland und Island wieder fast gleich mit den Sonnenstunden am Tag, doch schon bald werden diese in Island wieder deutlich weniger sein.

Der Kapitän kündigt eine frische Brise mit etwa neun Grad Außentemperatur an und die Vorfreude auf die kühle Nachtluft steigt angesichts des klimatisierten Flugzeuges. Das letzte Mal als ich das Flugzeug in Keflavík verlassen habe, habe ich mich auf einen Schlag in die kalte, saubere Winterluft verliebt. Ich kann es kaum erwarten, endlich hinaus zu gehen und vielleicht ein kleines bisschen von dem Gefühl wieder zu bekommen, was ich Anfang dieses Jahres hatte, als ich meine ersten Schritte in diesem eisigen Land ging, ohne eine geringste Ahnung, wohin mich das alles führen würde. Seltsam, wie viel ein halbes Jahr verändern kann. Inzwischen sind die meisten Schritte bekannt und schon einmal gegangen. Trotzdem zieht es mich wieder zurück.

Inzwischen haben wir fast den Flughafen erreicht und die Stimmung wird unruhiger. Trotz dessen, dass das Flugzeug fast leer ist, werden die Gespräche mehr. Man sieht die Lichter des Flughafens durch das kleine Fenster. Die Anzahl derer macht einem mal wieder bewusst, wie klein alles hier ist, wie wenige Menschen hier wohnen und wir groß die freie, naturbelassene Fläche ist.

Als wir vom Flughafen nach Hause fahren, kommt es mir so unwirklich vor und gleichzeitig so normal. Wieder auf den Straßen fahren, die von kleinen Unebenheiten durchzogen sind, in völliger Dunkelheit, weil es keine Stadtlichter gibt, die die Dunkelheit verdrängen, unter dem klaren Sternenhimmel, der in dieser Nacht durch keine einzigen Wolke verdeckt ist; Man fängt geradezu an, sich klein zu fühlen, in diesem großen Gewirr aus Sternen und Planeten. Wir treffen auf dem Weg bis nach Selfoss genau ein Auto und das bekannte Gefühl der Freiheit durch die unendlichen Weiten kommt zurück.

Ich habe gar nicht bemerkt, wie sehr ich dieses Land vermisst hatte.

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