Jeder, der Island schon einmal kennen gelernt hat, weiß, dass damit ein Gefühl verbunden ist. Ein Gefühl, was sich irgendwo zwischen dem wahr werdenden Wunsch nach Freiheit, der immer wiederkommenden Einsamkeit und dem Glück darüber, irgendwie am Ursprung angekommen zu sein, einpendelt.

Viele haben mich über die letzten Monate gefragt, warum ich Island mit Freiheit verbinde und was mich daran hindert, genau diese in Deutschland zu fühlen. Viele haben auch gesagt, ich würde Island im Bezug darauf idealisieren und die Augen dafür in Deutschland verschlossen halten. Vielleicht geht es gar nicht darum, dass man sich in Deutschland nicht frei fühlen kann, das kann man mit Sicherheit. Es geht eher darum, dass Island Momente hervorruft, die einen plötzlich an alles glauben lassen, die einem die Motivation geben, Dinge zu ändern und Träumen näher zu kommen. Es sind die Momente, wo man mitten auf dem Feld zwischen Pferden steht, der Wind um einen herum weht und man den typischen Geruch in der Nase hat. Momente, in denen man am Fluss entlang geht und plötzlich glücklich ist, einfach aus der Situation heraus, weil das Wasser rauscht, die Sonne scheint und der Berg sich im Hintergrund wie auf einem Gemälde erstreckt. Momente, wo man sich so frei fühlt, dass man alles schaffen könnte.

Eine Erklärung dafür, warum es mir so viel schwerer fällt, das in Deutschland hervor zu rufen, habe ich nicht. Allerdings kennt das wahrscheinlich jeder, der dieses Land für mehr als eine Woche Rundreise besucht hat, die Menschen kennen gelernt hat und irgendwie ein bisschen derer Lebenseinstellung übernommen hat, die nur darauf abzielt, sich auf heute zu konzentrieren und das, was morgen ist, mit einer Gewissheit auszublenden, dass es dafür eine Lösung geben wird. Wie durch ein Wunder funktioniert diese Einstellung, auch wenn ich mich immer wieder frage wie, weil ich mit Plänen, dem Denken an Morgen und der damit verbundenen Sicherheit aufgewachsen bin.
Als ich vor zwei Monaten nach Hause zurück kam, bin ich sehr schnell in alte Muster verfallen, habe fast vergessen, die Positivität beizubehalten. Allerdings habe ich auch Dinge an Deutschland zu schätzen gelernt, die mir vorher selbstverständlich erschienen und die mir erst auffielen, als ich zurück kam und sie plötzlich da waren, weil es sie in Island nicht gab.

Und nun bin ich seit fünf Tagen wieder hier, sitze am Fluss, der durch Selfoss fließt, höre das Wasser rauschen, schaue den in Sonnenlicht getränkten Ingólfsfjall an und versuche, diesen Moment in Worten fest zu halten, was wieder mal unmöglich ist.

Menschen erklären, warum man Island liebt, ist fast unmöglich. Es denjenigen zu erklären, die hier schon mal gelebt haben, ist nicht notwendig; Sie wissen auf irgendeine Art und Weise genau, was man meint, wenn man sagt, dass man die frische Luft und die Natur vermisst. Und sie machen die gleiche Erfahrung, dass es schwierig ist, das zu erklären, dass man oft auf Unverständnis stößt, wenn man es versucht und dass man dafür belächelt wird, wenn man von Freiheit spricht, denn diese sei doch überall zugänglich und nicht landesabhängig.

Ich muss sagen, dass ich oft in Deutschland am Fenster stand und mir gewünscht habe, wieder die isländische Luft in meiner Nase zu haben. Man glaubt es nicht und es klingt total idealisiert und im negativen Sinne verrückt, aber ich glaube, dass man mit Island ein anderes Gefühl verbinden würde, wenn allein die Luft so wäre, wie wir sie aus deutschen Städten kennen. Der Moment, wenn man aus dem Flugzeug steigt, ist nicht zu vergleichen und die Kälte tut garantiert ihr übriges dazu.

Als man mir Anfang des Jahres gesagt hat, dass man Island entweder hasst oder es einen immer wieder dahin zurück zieht, habe ich nicht daran geglaubt. Es muss doch ein Mittelding geben, wie es das mit anderen Ländern auch gibt. Und doch haben sie recht behalten und nun bin ich eine derjenigen, die das Menschen mit auf den Weg gibt und dafür komisch angeguckt wird. Hass oder Liebe, aber genau dieses schwarz-weiß-Denken ist wohl in dieser Hinsicht das einzig Wahre. Wenn man es hasst, nervt einen die Kälte, der Wind wird einem schnell zu viel und die Einsamkeit lässt Langeweile aufkommen. Bei denen, die es lieben, kommt jedoch eine Zuneigung für die starken Regen- und Schneestürme auf, die Kälte macht einem nichts aus und man entdeckt die Vorzüge sowohl an langen Sommertagen als auch an langen Winternächten.

Vielleicht muss ich das auch nicht erklären. Die, die es verstehen wollen, werden es.

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