Jedes Jahr im September findet der große Schafabtrieb und die Sortierung der Schafe zu den einzelnen Farmen statt und dieses Jahr sollte ich ein Teil davon sein.

Der südliche Teil Islands ist in den Bergen in drei große Gebiete unterteilt, weshalb es dort auch drei Schafabtriebe gibt. Diese Gebiete sind nur durch jeweils einen Fluss unterteilt, wodurch es manchen Schafen fälschlicherweise gelingt, ihr Gebiet zu wechseln. In der Woche vor dem Réttier, also dem Prozess, wo die Schafe sortiert werden, reiten die Farmer mit ihren Hunden in die Berge und treiben die Schafe zusammen. Jeder reitet mit zwei Handpferden, um nach einiger Zeit wechseln zu können, damit es nicht zu anstrengend für die Tiere wird. Sie übernachten in Hütten, die extra für die Zeit in den Bergen gebaut sind, und nutzen die Abende, um zusammen zu trinken und zu feiern.

Am Tag vor dem Réttier werden die Schafe durch die Gatter in ein Feld vor dem Réttier getrieben und dort gesammelt. Normalerweise sind es pro Mal ungefähr 3500 Schafe, dieses Mal war jedoch die Sortierung von zwei Gebieten zusammen gelegt worden, weswegen sie auf bis zu 6000 Schafe kamen.

Der Réttier an sich ist ein großer Kreis in der Mitte, wo die Schafe hineingetrieben werden. Drum herum gibt es kleinere abgetrennte Felder, wo die Schafe des jeweiligen Farmers gesammelt werden.

Wenn es los geht, lassen die Farmer eine große Gruppe von Schafen in den Réttier hinein und dann beginnt das, worauf sich alle das ganze Jahr freuen: Jeder fängt sich ein Schaf, packt es an den Hörnern und schaut sich die Nummer am Ohr an. Im besten Fall bringt man das Schaf dann zu dem jeweiligen Farmer, doch es ist meistens so, dass jeder nur für sich und seine Freunde sortiert, weswegen man das Schaf einfach wieder laufen lässt, wenn es nicht das richtige ist. Bis alle 6000 Schafe sortiert sind, dauert es gerne mal 3 Stunden und meistens sind genauso viele Menschen wie Schafe beteiligt. Dass die wenigsten bei diesem Prozess nüchtern sind, macht das Schafe einfangen zu einer schwierigeren aber auch lustigen Angelegenheit.

Besonders Már Oskár hatte viel Spaß dabei, die Schafe zu fangen, wobei man aber direkt merkt, wie die Farmer Tiere sehen und wie auch er erzogen wurde; Es sind für diese eben doch nur Nutztiere. Leider kommt es im Eifer des Gefechts manchmal dazu, dass den Schafen ein Horn abbricht und sie die restliche Zeit mit blutverschmiertem Gesicht rumlaufen.

Der Réttier ist für die Farmer ein ziemliches Großereignis, bedeutet für die Schafe aber hauptsächlich Stress. Sind irgendwann alle sortierbaren Schafe bei den einzelnen Farmern gelandet, widmet man sich den übrig gebliebenen, die ihre Markierung am Ohr verloren haben und somit nicht direkt zugeordnet werden können. Jeder Farmer hat eine bestimmte Art wie er das Ohr schneidet. Dabei wird jedem Lamm nach der Geburt ein oder mehrere Schnitte ins Ohr gesetzt, damit man sie immer wieder erkennt, auch wenn die Markierung am Ohr verloren geht. Die Art der Markierung steht auf dem Schild des Farmers, welches auch die Nummern zeigt, wonach die Schafe sortiert werden.

Sind alle Schafe sortiert, transportieren die Farmer die Schafe entweder auf Anhängern auf die Farm oder sie treiben diese zu Fuß nach Hause, was gut mal bis zu drei Stunden dauern kann. Da die Schafe dabei meistens durch Reiter begleitet werden und beide dabei manchmal auf die Straße laufen, ist speziell von den Autofahrern besondere Vorsicht gefordert. Leider stößt man besonders bei Touristen und Stadtmenschen auf Ungeduld und es kommt nicht selten vor, dass diese waghalsige Überholmanöver unternehmen und dabei nicht nur sich selbst, sondern vor allem die Schafe und Reiter gefährden.

Zum Mittag- und Abendessen trifft sich die ganze Familie und der Freundes- und Bekanntenkreis, um zusammen Lammsuppe zu essen und zu feiern. Je später es wird und je höher der Pegel, desto lauter werden die gesungenen Lieder und desto ausgefallener die Spiele, wie z. B. der Versuch, mit dem Mund, ohne mit den Händen den Boden zu berühren, einen Kaffeefilter aufzuheben. Ich wurde an dem Tag zu zwei Mahlzeiten für diese Suppe eingeladen und habe auch erstmal genug davon gegessen für die nächste Zeit.

Für die Isländer ist die Woche des Réttiers eines der größten Feste und besonders die Kinder freuen sich das ganze Jahr darauf. In den Zeitungen der Farmer kann man die Termine des Réttiers im ganzen Land sehen. Man muss aber dazu sagen, dass es wie so oft auch hier so ist, dass diese Traditionen hauptsächlich in der ländlichen Region durchgeführt werden und die Menschen, die in der Stadt leben, wenig Berührungspunkte damit haben.

In den folgenden zwei Wochen reiten die Farmer noch an zwei Wochenenden erneut in die Berge, um die verlorenen Schafe zusammen zu treiben. So gibt es noch weitere Réttier, die aber wesentlich kleiner ausfallen und nicht mehr gefeiert werden, da dort höchstens 300 Schafe zusammen kommen.

Die meisten Farmer lassen ihre Schafe noch eine Woche auf den Wiesen um die Farm herum grasen, damit diese noch mehr zunehmen. Die im späten April bis frühen Juni geborenen Lämmer sind inzwischen fast ausgewachsen und werden schließlich zwischen Ende September und Anfang Oktober geschlachtet. Dabei wollen die Farmer, dass die Lämmer möglichst über 40kg schwer sind. Jedes Lamm wird gewogen und auf seine Qualität geprüft. Aus 500 Lämmer werden ungefähr die besten fünf Männchen und 80 Weibchen herausgesucht, die am Leben gehalten und im nächsten Jahr Eltern werden. Der Rest wird zum Schlachthaus gebracht und diejenigen, die noch unter 40kg wiegen werden solange weiter gefüttert, bis sie mindestens die 35kg-Marke erreichen und dann spätestens im Oktober auch geschlachtet werden.

Ich bin ziemlich froh, dass ich durch meine Familie die Möglichkeit hatte, am Réttier teilnehmen zu können und somit mehr und mehr von der isländischen Kultur zu erleben. Wie alle isländischen Traditionen geht auch diese ziemlich familiär zu, es wird viel gesungen und es werden alle Generationen eingebunden.

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