Ich habe gerade noch einmal den Blogpost durchgelesen, den ich vor etwas weniger als einem Jahr um Weihnachten herum geschrieben habe, als mich nur noch drei Wochen von der Umsetzung meines damals größten Traumes trennten: Meine Reise nach Island.

Seitdem hat sich viel verändert, ich wahrscheinlich mit am meisten. Ich stand vor dem Beginn von etwas Neuem, etwas Unbekanntem, etwas, was mich herausfordern sollte. Ich erinnere mich nur zu gut, dass ich es damals nicht realisiert habe, dass ich dachte, es könne doch nicht möglich sein, einfach so einen vollständigen Tapetenwechsel hinzulegen und zum ersten Mal im Leben einen kompletten Neustart zu wagen in einer Umgebung, in der einen keiner kennt, in der man sich theoretisch zu 100% neu erfinden kann und in der man alle Freiheiten der Welt hat. Seit diesem Zeitpunkt ist mir diese Situation des Öfteren passiert; Man könnte fast sagen, ich hätte mich an den Umstand des Aufbrechens in einen neuen Lebensabschnitt gewöhnt. Nicht nur, dass ich damals eine völlig neue Familie kennengelernt habe, ich habe auch am Anfang beinahe tagtäglich neue Menschen getroffen, Freundschaften geschlossen, neue Erfahrungen gemacht und auch mich selbst in einer einzigartigen Art und Weise neu kennengelernt.
Vor ungefähr einem Monat hatte ich dann den zweiten kompletten Neustart, indem ich in eine andere Stadt ausgezogen bin, um zu studieren und wieder in der Situation war, keinen einzigen Menschen zu kennen, mit neuen Menschen zusammen leben zu können und mich irgendwie in der Lage befand, nochmal eine neue Version von mir selbst zu kreieren. Doch auch diese Situation ist inzwischen fast zur Gewohnheit geworden und mein Kopf hat endlich Zeit, sich an das „Ich“ zu erinnern, was ich noch vor einem Jahr war.

Zu dem Zeitpunkt stand die Wahl, was aus mir werden soll, noch vor mir und war in weite Ferne gerückt. Inzwischen habe ich diese Wahl wenigstens insofern schon getroffen, als dass ich mich für ein Studium entschieden habe, mir eine Stadt für die nächsten drei Jahre ausgesucht habe und ich damit irgendwie wahrscheinlich auch gedanklich in eine gewisse Richtung geformt werde. Dabei muss ich mir Tag für Tag vor Augen rufen, dass die Wahl eines Studienganges keinesfalls bedeutet, seine komplette Zukunft mit der Immatrikulation in Stein gemeißelt zu haben, sondern dass es nur eine Richtung für eine gewisse Zeit ist, die man gehen kann, aber nicht zwangsweise sein ganzes Leben gehen muss. Ich habe mich in der Zeit in Island zu einem sehr an das Schicksal glaubenden Menschen weiterentwickelt. Vielleicht ist „Schicksal“ auch der falsche Terminus, mehr ist es wahrscheinlich der Glaube an die richtigen Chancen, die einem das Leben bietet und den eigenen Mut, diese zu einem Weg auszubauen. Ich hatte mich neben der normalen Bewerbung für das Psychologiestudium auch noch für das Losverfahren in Medizin beworben, einfach aus der Idee heraus, dass falls dies mein Weg sein sollte, ich ihn gehen würde, auch wenn es nicht der Plan A ist. Offensichtlich ist dies nicht der Fall gewesen, denn ich bin schlussendlich doch meiner geplanten Bewerbung nachgegangen, aber dieses Beispiel verkörpert wahrscheinlich ganz gut die gewisse Einstellung zu der Wichtigkeit von Plänen in meinem Leben.
Auf dem letzten Roadtrip Ende Juli, als ich mit meiner besten isländischen Freundin vor unserem Zelt lag, in den Himmel geschaut und mir Gedanken über die doch nahende Zukunft gemacht habe, kam mir ein Gedanke in den Kopf: „Was ist, wenn das alles so sein soll und wir hier richtig sind, heute, genau hier und sich morgen was Neues ergibt, was genauso sein soll? Was haben Pläne dann für eine Bedeutung?“ Die Antwort ist simpel: Keine. Vielleicht sind Pläne einfach nur dazu da, uns eine gewisse Sicherheit für den Zeitraum zu geben, bis sich einem neue Chancen eröffnen, denen man nachgehen kann.

In dem ersten Blogpost habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was Angst ist und warum man nicht auf sie hören sollte. Ich hatte seitdem viele, viele Situationen, die davon bestimmt waren, weil sie neu waren und mein Körper mich wahrscheinlich vor dem Unbekannten warnen wollte, weil es Gefahren bergen könnte. Letztendlich sind die meisten Dinge davon gut ausgegangen oder zumindest so, dass man sie als gute Erfahrung abstempeln kann. Island hat mich wahrscheinlich gelehrt, dass sie ein Begleiter ist, aber sie auch beim Begleiter bleiben und keinesfalls die Rolle des Führers übernehmen sollte. Sie ist ein guter Berater und manchmal sogar ein Anzeichen für die besten zukünftigen Erlebnisse, solange man sich nicht von ihr bestimmen lässt und sich die eigene Mündigkeit bewahrt.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass mir einige Freunde ankündigten, ich setze Freundschaften aufs Spiel, riskiere zu viel und verlasse mein gutes Leben für eine hirngespenstige Erfahrung. Dass ich Freundschaften riskiert habe, ist keine Frage und kann man nicht abstreiten, denn natürlich kann eine Freundschaft über 3000 Kilometer nicht genauso eng sein wie über zehn. Allerdings muss ich feststellen, dass es mit den Freunden, mit denen es vorher eng war, auch danach noch eng geblieben ist und dass es mehr eine Probe der Freundschaft als ein im Stich lassen dieser dargestellt hat. Manche Freundschaften haben sich ein bisschen auseinander gelebt, aber das ist genau der Punkt, der mir damals schon klar war: Man kann nicht nur das Gute haben, die Kehrseite der Medaille geht damit unweigerlich Hand in Hand. Es gibt weniges, für dass ich diese Erfahrung in Island aufgeben würde, denn sie hat mich gelehrt, wie die in Deutschland als utopisch abgestempelten Vorstellungen und Ideale praktisch umgesetzt funktionieren können und zwar in einer außergewöhnlichen Mischung aus Optimismus und Lebensfreude, die die Isländer teilweise in den Kinderschuhen stehend gelernt haben. Natürlich hat jede Lebensweise ihre Schattenseiten und auch das wurde mir tausendfach von allen möglichen Menschen in Deutschland gesagt und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre mir darüber nicht bewusst; Die Kunst ist es vielleicht einfach, trotz den Unterschieden der beiden Welten, das Beste aus beiden zu ziehen und für sich eine individuelle Lebensweise daraus abzuleiten, die einem einen Weg vorschlägt und keinesfalls vorgibt.

Ich habe mich in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt und diese vergleichsweise noch gar nicht so alten Texte zu lesen, lässt mich mal wieder staunen, wie stark Veränderungen sein können, wenn sie einem selbst in ihrer vollen Bandbreite auffallen, denn meist wird einem ja eher von Außenstehenden die Rückmeldung gegeben, man hätte sich so verändert.

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