Ich erinnere mich noch ziemlich genau an dem Moment, als ich den Blogpost über die Faszination Islands als Grund für meine Reise geschrieben habe. Damals habe ich nächtelang von dem Gefühl geträumt, was mich einnehmen sollte, wenn ich neben den riesigen Wasserfällen stehe, wenn vor mir ein Geysir das warme Wasser in die Luft spuckt und wenn ich in den heißen Quellen sitze, um vor dem kalten Wind zu fliehen. Dass dabei die Erwartungen schnell mal ein bisschen zu hoch rutschen, passiert gerade im Bezug auf Island wahrscheinlich nicht selten, ist dieses Land doch gerade für seine atemberaubenden Landschaftsaufnahmen bekannt.
Die Realität kann all diejenigen schnell enttäuschen, die nie gelernt haben, die Schönheit im zweiten Blick zu erkennen. Im Volksmund ist Island als „Das Land aus Feuer und Eis“ bekannt, „Das Land des Regens, der Kälte und des Windes“ würde es mindestens genauso gut beschreiben, führt man sich doch einmal den letzten Sommer vor Augen, dessen sonnige und vor allem trockene Tage man an einer Hand abzählen konnte, was nicht nur die Farmer in ihrer Heuproduktion vor ein riesengroßes Problem gestellt hat, sondern auch den Touristen teilweise die Augen vor dem verschließen ließ, was die Insel ausmacht. Ich war in dem halben Jahr in Island fünf Mal beim Skógarfoss und Seljalandsfoss, den beiden größten Wasserfällen des Südens. An zwei Tagen davon hat es wie aus Eimern geschüttet, die restlichen waren die fast einzigen Sonnentage des Sommers. Die Reaktion der Menschen auf die Wasserfälle an den beiden regnerischen Tagen war ein wenig erschreckend: Eilig gehende Gestalten, die einmal kurz zum Wasserfall liefen, mit düsteren Gesichtern und einem fast schon gezwungenen Ausdruck in den Augen, waren sie doch einmal da, müssten sie nun auch die Chance nutzen, um danach möglichst schnell wieder ins trockene Auto zu hetzen und erleichtert einen weiteren Punkt auf der Liste abhaken zu können, denn man muss den Urlaub ja trotz des schlechten Wetters nutzen, bei den Mietpreisen. Die Augen zu öffnen für genau diese Situation, in der speziell der Skógarfoss bei Regen eine Macht entfaltet, die einen für unzählige Augenblicke in seinen Bann zieht, wenn man direkt vor diesem steht, der Wind einem vom hinten den Regen in den Rücken weht und von vorne einem die feinen Tropfen der weggewehten herunterfallenden Wassermenge und gleichzeitig die, der aufspritzenden Gischt ins Gesicht fliegen, ist die Fähigkeit, an der die meisten augenscheinlich scheitern.
Die Augen nicht vor dem Moment zu verschließen ist wohl eine Aufgabe, die uns Tag für Tag begegnet und an der wir alle täglich drohen zu scheitern, ist es doch so viel einfacher, sich die Ausrede in der unperfekten Situation zu suchen, als eine Lösung dafür zu finden, sie zu einer perfekten zu machen. Ich scheitere daran auch regelmäßig, zwar nicht im Hinblick auf diese Naturphänomene, dafür an ganz alltäglichen Steinen, die einem in den Weg gelegt werden und die sich beim näheren Hinschauen vielleicht gar nicht als solche, sondern als kleine Bausteine für den perfekten Tag entpuppen. Diese effizient zu nutzen ist wahrscheinlich die Aufgabe, die es lebenslänglich zu meistern gilt.

Dass Island mehr ist, als die ganzen auf Instagram trendenen Bilder der endlosen, wunderschönen Weiten, merkt man relativ schnell, nachdem die Rollen des Flugzeuges die Landebahn wieder unter sich haben und einen die karge Landschaft hinterfragen lässt, wieso man gerade in dieses Land sein Urlaubsgeld investiert hat, es könnte schließlich jeder fremde Planet sein, die Oberfläche würde vermutlich nicht viel anders aussehen. Tatsächlich sind viele Teile Islands von dieser kargen braunen Landschaft durchzogen und wenn man sich nicht gerade im Sommer dort aufhält, wo die Felder grün und die Lupinen in der Nähe der Flüsse lila Akzente setzen, kann sich der triste Anblick schnell mal auf die Stimmung übertragen.
Aus anderen Augen betrachtet sorgt der Anblick der nur in Island so vorfindbaren dunklen Grüntöne für Faszination, verursachen die bizarren Lavafelder mit ihren kunstvollen Figuren eine starke Begeisterung, lässt der starke Wind und der viele Regen einem einen warmen Schauer über den Rücken laufen bei der Vorstellung, wie gewaltig und stark die Kräfte der Natur sein müssen. Es gibt nicht viel besseres, als im tiefen Winter mit einer Mütze auf dem Kopf in einem heißen Fluss zu sitzen, den eisig kalten Wind nicht mehr zu spüren und sich darüber bewusst zu werden, wie heiß unsere Erde in ihrem Inneren sein muss, um selbst dieses Wasser auf der Oberfläche in den Bergen auf einer angenehm warmen Temperatur halten zu können. Dafür kann man schon mal das Umziehen danach in Kauf nehmen, was aufgrund der Naturquelle im Freien direkt neben dem Fluss statt findet, wo man, wenn man nicht schnell genug seine Kleidung wechselt, ziemlich einfach zu einem Eisblock erstarren kann.

Island ist ein Land für sich, nicht für jeden was und erst recht nicht für jeden nachvollziehbar. Vielleicht muss man eine Weile dort gelebt haben, um zu erkennen, was man all die Jahre nicht gesehen hat. Vielleicht muss man auch einfach mit der Faszination für Sonnenuntergänge, Regen, Gewitter und Sterne geboren sein, um zu verstehen, warum jedes Jahr Menschen auf diese kalte, raue Insel auswandern und sich entscheiden, ihr Leben in der von Naturgewalten so viel mehr beherrschten Land zu verbringen, als das in Deutschland der Fall ist.

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